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Liebe Freunde der Herdecker Bücherstube,
haben Sie sich vielleicht auch in der letzten Zeit angesichts des E-Book-Rummels gefragt, ob Sie zu den Letzten Ihrer Art gehören, einer Spezies, die sich immer noch von Papier und Druckerschwärze ernährt und dadurch unmittelbar vom Aussterben bedroht ist? Da wäre es Ihnen wie uns gegangen, und deshalb wollen wir Sie beruhigen: Wir sind davon überzeugt, dass es gute Bücher auch noch in 50 oder gar in 100 Jahren oder gar in alle Ewigkeit geben wird, und zwar immer noch viel mehr, als Buchhändler zu lesen und zu empfehlen vermögen.
Doron Rabinovici: Andernorts Geb., 248 S., 19,90 €
Der Kulturwissenschaftler Ethan Rosen gerät an der Universität Wien in einen turbulenten, auf Missverständnissen beruhenden Wissenschaftsstreit mit seinem Konkurrenten Rudi Klausinger. Wegen der Erkrankung seines Vaters muss er zurück nach Israel. Hier inmitten seiner liberalen Familie, eines orthodoxen Umfelds und des ganz normalen Wahnsinns des israelischen Alltags läuft der Streit (mit seinem angeblichen Halbbruder) Klausinger vollkommen aus dem Ruder. Nicht zu Unrecht war dieser Roman unter den letzten sechs zum diesjährigen Deutschen Buchpreis nominierten Büchern.
Alexander Osang: Königstorkinder Geb., 336 S., 19,95 €
Eine Gruppe arbeitsloser Schauspieler, Akademiker und anderer wesensverwandter Hartz-IV-Empfänger und Ein-Euro-Jobber probt in Berlin am Königstor ein Stück, das zum Mauerfalljubiläum aufgeführt werden und eben dieses Ereignis nachspielen soll. Ein turbulenter Roman über eine Stadt im permanenten Aufbruch, über das Leben als ewiges Projekt und über die erfolgreichen Neureichen und die erfolglosen Neuarmen, die erbarmungslos durcheinander gewirbelt werden.
Ian McEwan: Solar Geb., 416 S., 21,90 €
Michael Beard ist ein Mann in den besten Jahren, Nobelpreisträger der Physik und Schürzenjäger, vor allem aber auch ein Egomane, der sich auf seinem inzwischen verblassenden Ruhm ausruht und so bequem wie möglich zu leben versucht. Doch eben jenes ist ihm nicht vergönnt– er wird von seiner fünften Ehefrau verlassen und läuft Gefahr, sich mit einem absurden wissenschaftlichen Projekt endgültig ins berufliche Abseits zu befördern. Da kommen ihm die geniale Idee eines Studenten und ein plötzlicher Todesfall gerade recht...
Ein äußerst unsympathischer und zugleich authentischer Protagonist, McEwans sprachliche Eleganz kombiniert mit schwärzestem britischem Humor – das ergibt eine Wissenschaftssatire, die fast schon haarsträubend komisch und gerade deshalb ein Leseerlebnis der besonderen Art ist.
Hans Joachim Schädlich: Kokoschkins Reise Geb., 190 S., 17,95 €
Fjodor Fjodorowitsch Kokoschkin, Professor Emeritus für Botanik, Spezialgebiet Gräser und Halme und fast so alt wie das vergangene Jahrhundert, reist per Schiff von Europa zurück nach Amerika. Und so wie die Tage und Nächte auf hoher See kommen und gehen, tauchen einzelne Stationen seines langen Emigrantenlebens auf - Petersburg, Odessa, Berlin, Prag, Paris, Boston -, werden die Wirren des 20. Jahrhunderts noch einmal rekapituliert.
Michael Köhlmeier: Madalyn Geb., 176 S., 17,90 €
Gegen seinen Willen wird der zurückgezogen lebende Schriftsteller Sebastian Lukasser von der 14-jährigen Madalyn zur Vertrauensperson auserkoren. So erzählt ihm die Nachbarstochter von Moritz, ihrer ersten großen Liebe, der lügt, betrügt und sie dennoch an sich zu binden vermag - eine von allen Höhen und Tiefen geprägte Geschichte, die Lukasser, der vor allem durch sein Schreiben lebt, näher geht, als es ihm lieb ist, und der er sich doch nicht entziehen kann. Dieser kleine, wunderbare Roman besticht vor allem durch die klare, unprätentiöse Sprache und das Gespür für zwischenmenschliche Beziehungen, er handelt von großen Gefühlen, ohne jedoch rührselig oder pathetisch zu sein.
Herman Koch: Angerichtet Geb., 303 S., 19,90 €
Ein bitterböser Roman über unsere Gesellschaft mit ihrem Werteverfall und der aufkeimenden Gewaltbereitschaft. Es ist der sympathische Ich-Erzähler, ein frühpensionierter Lehrer, der mit seiner Frau zu einem Abendessen in einem Nobelrestaurant von seinem Bruder und dessen Frau eingeladen worden ist: „… es gebe da ein Problembezüglich der halberwachsenen Kinder zu besprechen.“ Eingebettet in die sarkastischen Bemerkungen des Erzählers, erfährt der Leser eine unglaubliche Geschichte über Gewalt, falsche Elternliebe und Verblendung. Ein Buch, das wie ein Thriller den Leser nicht mehr loslässt.
Natasha Solomons: Wie Mr. Rosenblum in England sein Glück fand geb., 384 S., 19,95 €
1937 flieht der Jude Jack Rosenblum gemeinsam mit seiner Frau und seiner Tochter von Deutschland nach England, wild entschlossen, dort ein neues Leben zu beginnen und ein perfekter englischer Gentleman zu werden. 15 Jahre später hat Jack seinen Plan in die Tat umgesetzt – mit einer einzigen, für ihn jedoch umso schmerzhafteren Ausnahme: Die Mitgliedschaft in einem Golfclub bleibt ihm nach wie vor verwehrt. So erwirbt er ein Cottage in Dorset mit dem Ziel, seinen eigenen Golfclub zu gründen – ohne dabei jedoch die mitunter etwas eigenwillige englische Landbevölkerung und die widerspenstige Natur berücksichtigt zu haben... Ein bezaubernder, niveauvoller Unterhaltungsroman, der vor allem durch seine Vielschichtigkeit, die stets liebevoll gezeichneten Figuren sowie die Naturbeschreibungen zu überzeugen versteht.
Gerbrand Bakker: Oben ist es still Tb., 316.S., 9,90 €
Ein irritierender Anfang: Ein Jungbauer räumt seinen Hof auf und verfrachtet bei dieser Aktion seinen demenzkranken Vater in eine karge Dachkammer. Der über 50-jährige Sohn will aufräumen, nicht nur auf dem abgewirtschafteten Hof, sondern auch in seinem Leben. Allmählich erfährt der Leser eine dramatische Familiengeschichte, nimmt aber auch an der tragisch-komischen Wiederannährung von Vater und Sohn teil.
Max Frisch: Entwürfe zu einem dritten Tagebuch Geb., 218 S., 17,80 €
Ausgehend von der Bitte seines kranken Freundes Peter Noll eine Totenrede für ihn zu halten und von der Selbstreflexion „Hänge ich am Leben? Ich hänge an einer Frau. Ist das genug?“, hält Max Frisch zum dritten Mal ein Jahr seines Lebens in bewehrter Manier fest. Alterslakonik, Illusionslosigkeit und die ungebrochene Fähigkeit, seine Beobachtungen und Betrachtungen bündig und pointiert
Marion Poschmann: Geistersehen Geb., 120 S., 17,80 €
In ihrem neuen Gedichtband „Geistersehen“ führt Marion Poschmann vor, was Poesie auf höchstem Niveau sein kann: Möglichst präzise Beschreibung von Dingen, die sich eigentlich nicht fassen lassen. Anschaulich, abstrakt, reflektiert, entwirft sie Bilder für flüchtige Erfahrungen, nähert sich über das Sichtbare dem Unsichtbaren.
Joachim Gauck: Winter im Sommer – Frühling im Herbst Geb., 345 S., 22,95 €
1940 in Rostock geboren, war er zu jung, um das Ende des Krieges bewusst mitzuerleben. Mit 14 spürte er allerdings das Unrecht, als sein Vater von einem Tag auf den anderen spurlos verschwand. Die Gradlinigkeit seiner Mutter und Großmutter in dieser Zeit hat ihn entscheidend geprägt, er blieb immer auf Distanz zum politischen System der DDR. Nach der Schulzeit studierte er Theologie in Rostock und schon damals schloss er sich den regimekritischen Mitbürgern an. Es ist seine glaubhafte Distanz zum Staat, die ihn zu einer Symbolfigur 1989 macht. Diese Autobiografie des inzwischen 70-jährigen nimmt sich nicht nur der Opfer an, sondern versucht auch, die Motive der Täter nachzuvollziehen.
Loki Schmidt: Auf dem roten Teppich und fest auf der Erde Geb., 224 S., 20,00 €
Nur zwei Wochen vor ihrem Tod erschien dieses kurzweilige Buch von Loki Schmidt. Im Gespräch mit dem ehemaligen Zeit-Journalisten Dieter Buhl lässt sie die westdeutsche Nachkriegszeit Revue passieren. Die Stationen der politischen Karriere von Helmut Schmidt begleitete sie sowohl aufmerksam wie auch zurückhaltend. Fast anekdotisch wirken die Berichte über Begegnungen mit gekrönten und ungekrönten Häuptern der jüngeren Geschichte. Sie erfüllte ihre Repräsentationsaufgaben, ohne sich und ihren Überzeugungen untreu zu werden (kein Knicks für die Queen!) und stellte ihre Eigenständigkeit durch ihr Engagement für den Naturschutz unter Beweis, mit dem die wissenschaftliche Autodidaktin schon in den 70er Jahren hervortrat.
Kim Thúy: Der Klang der Fremde Geb., 159 S., 14,90 €
Kim Thúy, in Saigon als Tochter einer großbürgerlichen Familie geboren, gelangte im Alter von 10 Jahren nach einer abenteuerlichen Reise auf der Flucht vor den nordvietnamesischen Kommunisten ins kanadische Exil. In ihrem Roman beschreibt sie ihren außergewöhnlichen Lebensweg in einem beeindruckenden Wechsel zwischen den Zeiten und Welten.Dieser erste literarische Erfahrungsbericht einer Vietnamesin, die unter den Boatpeople den Westen erreichte und hier auch sprachlich ihre Heimat fand (sie lernte die französische Sprache erst in Kanada!), ist auch in Frankreich umgehend ein Bestseller geworden.
Jonathan Safran Foer: Tiere essen Geb., 400 S., 19,95 €
Angesichts seiner Vaterschaft begann der amerikanische Autor, seine Ernährung und insbesondere seinen Fleischkonsum kritisch zu hinterfragen – und zu recherchieren. Dabei herausgekommen ist ein Buch, das alle Facetten der Fleischindustrie beleuchtet, schonungslos, leidenschaftlich und zugleich völlig undogmatisch. So ist es neben den harten Fakten auch ein zutiefst persönliches, ja humorvolles Buch, das aufklärt, zum Nachdenken anregt – und den Leser verändert.
John Green: Margos Spuren Pb., 336 S., 16,90 €, 14 bis 99 Jahre
Solange er denken kann, ist Quentin in Margo verliebt, ein Mädchen, das so ganz anders ist als er, beliebt, berüchtigt und vor allem geheimnisvoll – und für ihn unerreichbar. Bis sie eines Nachts vor seinem Fenster auftaucht, nur um anschließend zu verschwinden. Zurück bleiben Rätsel, die es zu entschlüsseln gilt, die ihn auf Margos Spur bringen und über sich selbst hinauswachsen lassen. Wie bei seinen wunderbaren Romanen Eine wie Alaska und Die erste Liebe gelingt es John Green auch hier, trotz oder gerade wegen der schrägen Charaktere und der überraschenden Wendungen eine höchst authentische, tiefgründige Geschichte zu erzählen, die den Leser bis zum Schluss zu fesseln vermag und einen bleibenden Eindruck hinterlässt
Alle Mitarbeiter der Herdecker Bücherstube wünschen
ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes Jahr 2011.
November 2010
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