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Bücherbrief 2011

Liebe Freunde der Herdecker Bücherstube,

wie Sie gleich feststellen werden, befindet sich in unserer diesjährigen Auswahl kein griechischer Autor. Dies ist keine Diskriminierung, kein Boykott! Die Griechen haben trotz Freizeit und Frühverrentung einfach keine Muße, gute oder gar dicke Bücher zu schreiben. Deshalb müssen, wie schon häufiger seit der Neuzeit, Deutsche, Schweizer, Franzosen, Engländer und sogar Isländer den Literaturrettungsschirm spannen, um Sie, liebe Leser, sicher durch die Weihnachts- und Winterzeit zu geleiten.

Michael Kumpfmüller: Die Herrlichkeit des Lebens

Geb., 237 S., 18,99 €

Das letzte Jahr im Leben Franz Kafkas, das letzte und glücklichste, vielleicht das einzige glückliche überhaupt. Er lernt eine Frau kennen, Dora Diamant, und entscheidet sich mit ihr zu leben, zum ersten Mal mit einer Frau wirklich zusammenzuleben. Sie teilen Tisch und Bett und alle Sorgen und Freuden im krisengeplagten Berlin. Sie begleitet ihn nach Wien in die Klinik und nach Kierling ins Sanatorium, das auch das letzte sein sollte. Anhand von Erinnerungen, Tagebüchern, Briefen und Kafkas letzten Texten komponiert Michael Kumpfmüller einen einfühlsamen und feinsinnigen Roman über die Liebe, das Schreiben und den Tod.

Jón Kalman Stefánsson: Himmel und Hölle / Der Schmerz der Engel

Kt., 230 S., 8,99 € / Geb., 342 S., 19,99 €

Himmel und Hölle erzählt von wenigen Tagen im Leben eines namenlosen Jungen, der sich vor etwa hundert Jahren mit anderen Fischern eine abgeschiedene Hütte an der isländischen Küste teilt. Inmitten dieser rauen, menschenfeindlichen Umgebung ist es ausgerechnet die Liebe zur Literatur, die seinen Freund im Kampf mit den Elementen das Leben kostet und dem Jungen so jede Zuversicht und jeden Rückhalt raubt. Schließlich aber findet er ein neues Zuhause, schöpft Kraft und Hoffnung, nur um sich in Der Schmerz der Engel an der Seite des Landpostboten Jens erneut der Urgewalt von Eis und Schnee auszuliefern. So tragisch die Geschehnisse auch anmuten, so sehr sie von der archaischen, erbarmungslosen Natur Islands bestimmt werden, so poetisch und sprachgewaltig fasst Stefánsson sie in Worte. Zwei intensive, atmosphärisch dichte Romane, die vom elementaren Kampf des Menschen mit der Natur handeln, von Liebe und Tod, und gleichzeitig vor allem auch durch die leisen Töne zu bestechen verstehen (und die zwar aufeinander aufbauen, sich aber auch unabhängig voneinander wunderbar lesen lassen).

Sibylle Lewitscharoff: Blumenberg

Geb., 216 S., 21,90 €

Wie begegnet ein Philosoph, ein Weltendeuter und -benenner, einem sich plötzlich in seinem Arbeitszimmer manifestierten Löwen? Kann er ihn einfach als eine Vision oder einen raffinierten Studentenstreich abtun oder muss er sich mit der Frage auseinandersetzen, ob und welche Realität diese Erscheinung beweist bzw. widerlegt? Und wie reagieren seine Studenten, allesamt skurrile Junggenies, die den Löwen zwar nicht wahrnehmen können, die aber genauso in seinem Bann stehen wie in dem ihres verehrten Professors? Ein klug komponierter, hinreißend fabulierter und glänzend geschriebener Roman, der ziemlich einmalig in der heutigen nach unhinterfragbarer Realität hungernden Literaturlandschaft steht.

Charles Lewinsky: Gerron

Geb., 539 S., 24,90 €

Theresienstadt 1944: Der damals bekannte Schauspieler und Regisseur Kurt Gerron wird vom Lagerkommandanten vor die Wahl gestellt, entweder einen Propagandafilm des Lagers zu drehen oder mit seiner Frau direkt nach Auschwitz deportiert zu werden. Drei Tage der Verzweiflung, in denen er sein Leben Revue passieren lässt - Notabitur mit 18, um direkt in den ersten Weltkrieg geschickt zu werden; schwerste Verwundung und Studium der Medizin. Und dann die Wende: Zaghafter Beginn als Kabarettist, dann erfolgreicher Chansonnier und schließlich Star in der „Dreigroschenoper“ (Moritatensänger). Aber der Erfolg wird ihm zum Verhängnis; im Gegensatz zu vielen Künstlern blendet er die Gefahr des Nationalsozialismus aus und verpasst die Gelegenheit zur Flucht ins Ausland.

Robert Louis Stevenson: Das Licht der Flüsse

Geb., 175 S., 14,95 €

Stevensons erste Buchveröffentlichung: Die wunderschöne Erzählung einer Paddeltour, die er 1876 mit einem Freund auf Flüssen und Kanälen Belgiens und Frankreichs unternahm. Der junge Autor nimmt den Leser mit in sein Kanu entlang bezaubernder Landschaften und Treidelpfade, in verschlafene Dörfer und erste Großstädte. Man leidet mit, wenn sie zu später Stunde vollkommen durchnässt noch Quartier suchen, manch gefährliche Situation an Stromschnellen erleben und von unfreundlichen Gastwirten aufgenommen werden.

Wolfgang Erk (Hg.):Mit einem Engel durchs Jahr. Lyrik und Prosa für 366 Tage

Geb., 477 S., 20,00 €

Gedichte, Gedanken, Aphorismen, Bibeltexte – 366 Engel-Episteln von Rafael Alberti, Angelus Silesius und Rose Ausländer über Hölderlin, Lasker-Schüler und Rilke bis zu Georg Trakl, Franz Werfel und Jan Zahradnicek. Für jeden Tag des Jahres ein Engel, mal poetisch, mal nachdenklich, eingerahmt von 12 Engelzeichnungen Paul Klees. Ein durch und durch gelungenes Brevier, so dass man ohne jede Verlegenheit die Selbstlobpreisung des Herausgebers zitieren kann: „Allen, denen das Buch gefällt, gratuliere ich zu ihrem guten Geschmack und bitte, es weiterzuempfehlen.“

Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen

Geb., 349 S., 19,90 €

Anhand von 264 geerbten Netsuke, japanischen Miniatur-Schnitzereien, begibt sich der Brite Edmund de Waal auf Spurensuche, entschlossen, deren Geschichte und somit auch das Schicksal seiner Familie zu ergründen. Angefangen mit Charles Ephrussi, angesehener Kunstsammler im Paris der Belle Époque und Vorbild für Prousts Swann, erzählt er so von Aufstieg und Niedergang dieser einflussreichen jüdischen Bankiersfamilie und entwirft zugleich ein Panorama europäischer Zeit- und Kulturgeschichte. Mit viel Empathie und sprachlicher Eleganz lässt er mit dieser hervorragend recherchierten, fesselnden Familienchronik seine Vorfahren und vergangene Epochen wieder lebendig werden, ohne dabei je sentimental oder pathetisch zu werden – ein wunderbares Leseerlebnis!

 

Jose Sanchez de Murillo: Luise Rinser

Geb., 464 S., 22,95 €

Der Autor und langjährige Freund hat sich durch viele direkte Gespräche und anhand zahlreicher literarischer Quellen tief in das widersprüchliche Leben der Schriftstellerin begeben: Aufgewachsen in einem streng katholischen Umfeld, findet Luise Rinser als angehende Lehrerin ab 1933 zunächst begeistert ihre Heimat beim BDM, um nach dem Krieg geläutert als „Widerstandkämpferin“ Anerkennung als eine der wichtigen Nachkriegsschriftstellerinen zu erwerben. Doch die Widersprüchlichkeit bleibt - der glühende Liebesbriefwechsel mit dem Jesuiten Karl Rahner, ihre Nominierung zur Präsidentschaftskanditatin der Grünen und ihr Schwärmen für den nordkoreanischen Diktator Kim IL-sung.

Elke Pahud de Mortanges: Unheilige Paare?

Geb., 272 S., 17,99 €

Liebesgeschichten, die keine sein durften: Was verbindet Paare wie Klara und Franz von Assisi, Katharina von Bora und Martin Luther, Clemens Brentano und Anna Emmerick, oder Karl Barth und Charlotte von Kirschbaum? Allen gemeinsam die große Liebe auf der einen Seite und die gesellschaftlichen Schranken auf der anderen, die ein Zusammenleben erschwerten oder gar verhinderten. Aber der tiefe Glaube, der diese Paare verbunden hat, ließ sie auf ihrem Weg nicht entmutigen.

 

Himmlischer Glanz. Rafffael, Dürer und Grünewald malen die Madonna

Geb., 123 S., 24,95 €

Bis zum 8. Januar 2012 findet in Dresden die gemeinsame Ausstellung der Vatikanischen Museen und der Gemäldegalerie Alte Meister statt, die herausragende Beispiele der Madonnenmalerei aus der Zeit Raffaels zeigt. Als Herzstück dieser Ausstellung muss man die Sixtinische Madonna und die Madonna di Foligno betrachten, die beide im Jahr 1512 von Raffael geschaffen wurden und hier nach fast 500 Jahren wieder vereint sind. Auch Werke von Dürer, Grünewald, Altdorfer und Lucas Cranach d. Älteren werden in diesem Band auf 123 Seiten mit kenntnisreichem Text und eindrucksvollen, farbigen Abbildungen dargestellt.  

Judith Schalansky: Taschenatlas der abgelegenen Inseln

Kt., 239 S., m. 50 farb. Ktn., 14,99 €

In diesem kleinen Kunstwerk (wobei „klein“ nur das Format meint), dessen gebundene Originalausgabe 2009 als das schönste Buch des Jahres ausgezeichnet wurde, entwirft die Gestalterin, Kommunikationsdesignerin und freie Autorin Judith Schalansky eine poetische Kartographie der unmöglichen Orte. Orte, von denen viele gar nicht zu erreichen oder zu betreten oder letzten Endes unbewohnbar sind. „Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde“, so der Untertitel dieser Sammlung lyrischer Eskapaden, als Koordinaten und Fluchtpunkte der Sehnsucht und der Phantasie. Durch Anreicherung der Geographie mit Imagination verwirklicht Judith Schalansky das Dictum Fernando Pessoas: „Am besten reist man, indem man träumt.“

Frédéric Gros: Unterwegs. Eine kleine Philosophie des Gehens

Geb., 253 S., 16,95 €

Große Philosophen, Denker und Schriftsteller, Wanderer, Spaziergänger und Flaneure versammeln sich in diesem geistreichen Buch zu einem Rundgang durch die Kulturgeschichte des Unterwegsseins. Nietzsche, Rimbaud, Rousseau, Kant und viele andere erzählen unter der Begleitung des kundigen Reiseführers Frédéric Gros, was sie beim Gehen erlebt, empfunden und gedacht haben, was es für sie bedeutet, mit den Füßen fest auf der Erde und mit dem freien Kopf hoch in den Wolken die Welt zu durchstreifen.

Josef H. Reichholf: Naturgeschichte(n)

Geb., 318 S., 19,99 €

Ein wunderbares, von Claudia Bernhardt fein illustriertes Geschenkbuch für Naturliebhaber aller Altersstufen halten wir hier in den Händen. Kenntnisreich und unterhaltsam zugleich nimmt uns der bekannte Ökologe und Querdenker mit auf eine Entdeckungsreise durch die Natur. Für seine Wissenschaftsprosa wurde Reichholf im Jahr 2007 mit dem Sigmund-Freud-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet. Aus der Vielzahl seiner bisher veröffentlichten Bücher sei dieses besonders hervorgehoben. 

Bill Bryson: Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge

Geb., 637 S., 24,99 €

Nachdem er seine Leser im Laufe der Jahre mit vielen amüsanten Reiseberichten unterhalten hat, führt Bill Bryson in seinem neuen Buch als versierter Reiseleiter durch sein Haus. Während des Rundgangs durch die verschiedenen Zimmer geht er auf die soziokulturelle Geschichte diverser Dinge des täglichen Gebrauchs ein. Man liest über mehr oder weniger erfolgreiche Erfindungen, ungewollte Haustiere, Hygiene, Mode und Ernährungsgewohnheiten im Wandel der Zeiten, und es ist keinen Moment langweilig.

Chantal Schreiber: Plötzlich in Peru

Geb., 636 S., 19,90 €, ab 13 J.

Elena bekommt überraschend das Angebot, für drei Monate nach Peru zu gehen, um dort in einem Volontär-Programm ein Waisenhaus zu unterstützen. Sie sagt spontan zu und stürzt sich mit beispielhaftem Engagement in diese Aufgabe. Sie ist von der für sie fremden Welt beeindruckt und berührt und lernt ihre Vorurteile abzubauen. Eine herausragende Geschichte für Jugendliche über die Möglichkeiten, die sich bieten, wenn man sich Neuem öffnet.

Anne-Laure Bondoux: Die Zeit der Wunder

Geb., 188 S., 12,90 €, ab 12 J.

Die Zeit der Wunder erzählt die Geschichte des Jungen Koumail, der aus den Kriegswirren des Kaukasus bis nach Frankreich flieht und dank der liebevollen Fürsorge Glorias nie den Mut und den Glauben an das Glück verliert. Der Autorin gelingt es, diese hochaktuelle Geschichte in hoffnungsvollen Bildern zu zeichnen. Ein Buch darüber, wie weit Träume tragen.

Jeanette Randerath/ Daniele Winterhager: Flieg, Yoa, flieg! Eine Geschichte aus der Steinzeit

Geb., 32 S., 12,95€, ab 4 J.

Yoa entdeckt in einer Höhle Wandmalereien und ist so fasziniert davon, dass er den herannahenden Bären nicht bemerkt. Ein Vogel warnt ihn rechtzeitig und rettet ihm damit das Leben. Aus Dankbarkeit möchte Yoa ein Bild des Vogels in der Höhle malen. Zuvor soll er aber die Vögel genau beobachten, ja selbst wie ein Vogel werden, rät ihm der Heiler seiner Sippe. Ein einfühlsam geschriebenes und wunderschön illustriertes Bilderbuch.

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